Transformation zu einem nachhaltigen Finanzsystem

Das Bundeskabinett hat am 5. Mai 2021 die erste deutsche Strategie für Nachhaltige Finanzierung („Sustainable Finance“) beschlossen. Die Strategie verfolgt das Ziel, dringend notwendige Investitionen für Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu mobilisieren und adressiert zugleich die zunehmenden Klimarisiken für das Finanzsystem.

Die Deutsche Sustainable Finance-Strategie steht für eine neue Weichenstellung im Finanzsystem, mit der Klimaschutz und Nachhaltigkeit zentrales Leitmotiv werden sollen. Damit will die Bundesregierung Deutschland zu einem führenden Sustainable Finance-Standort ausbauen. Zu dem wegweisenden Maßnahmenkatalog zählen Umschichtungen der Anlagen des Bundes in nachhaltige Anlageformen, Nachhaltigkeits-Kennzeichnungen für Verbraucher*innen (Nachhaltigkeitsampel) und neue Nachhaltigkeits-Berichtspflichten für Unternehmen.

Die Taxonomieverordnung der EU

Hat die Offenlegungsverordnung als erster Baustein der Europäischen „Sustainable Finance Gesetzgebung“ noch eher abstrakten Charakter hinsichtlich der Anforderungen an Transparenz und Nachhaltigkeitskriterien von Finanzprodukten und Dienstleistungen, so wird die Europäische Union nun konkreter: Mit der Veröffentlichung der Taxonomieverordnung im Amtsblatt der Europäischen Union wurde die zweite Runde der Umsetzung der EU-Strategie zum Aufbau eines nachhaltigen Finanzsystems eingeläutet. Ein wesentliches Ziel der Taxonomieverordnung ist es, Anbietern von Finanzprodukten in Europa den Spielraum zu nehmen, Finanzprodukte als nachhaltig zu vermarkten, die es nach dem Verständnis der Europäischen Union nicht sind.

Aus einem vielerorts praktizierten „Greenwashing“ soll ein belastbarer Nachweis des Bekenntnisses zu nachhaltigem Investieren auf Basis von ESG-Kriterien im Investment- und Risikomanagementprozess werden. In Kürze sollen detaillierte Rechtsakte vorliegen, welche in erste Berichtsanforderungen nach neuer Taxonomie für das Berichtsjahr 2021 münden. Die gemäß der Taxonomieverordnung offenzulegenden Informationen sollen es für Anleger künftig beispielsweise nachvollziehbar machen, wie hoch der prozentuale Anteil der Investitionen innerhalb von Finanzprodukten (z.B. Fonds) ist, dem ökologisch nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten zugrunde liegen. Hierzu legt die Verordnung einen Katalog von Kriterien fest, anhand derer die ökologische Nachhaltigkeit der jeweiligen Investition gemessen werden muss.

Die Transformation zu einem nachhaltigen Finanzsystem - Nagler und Company

Quelle: N&C Relevant, Dezember 2020 Ausgabe Nr. 24

 

Deutlich steigender Bedarf an aussagekräftigen ESG-Daten absehbar

Die Principles for Responsible Investing (PRI), ein internationaler Zusammenschluss von professionellen Investoren und Asset Ownern mit dem Ziel, nachhaltiges Investieren zu fördern, erwartet daher, dass sich auf der Buy Side vielschichtige Datenanforderungen ergeben werden. Sowohl die Investment- als auch die Risikomanagement-Prozesse müssen mit geeigneten Informationen über die Nachhaltigkeitsperformance der Zielinvestments versorgt werden.

In einer Serie von Case Studies der PRI unter Beteiligung mehrerer Asset Manager hat sich herausgestellt, dass die Datenverfügbarkeit derzeit noch limitiert ist. Ferner kann schlechte Datenqualität im Ergebnis dazu führen, dass auch nachhaltig agierende Firmen als Zielinvestition ausgeschlossen werden müssen. Schon jetzt positionieren sich diverse Daten- und Indexanbieter, um möglichst früh eigene Standards setzen zu können. Auf Abnehmerseite werden neben Datenqualität und prozessualen Themen insbesondere auch die Datenkosten eine wesentliche Rolle spielen. Bekanntermaßen tendieren einige der großen Daten- und Indexanbieter dazu, ihre marktbeherrschende Stellung auf der Kostengestaltungsseite nachhaltig auszunutzen.

Der nächste Quantensprung bei der Umsetzung des Aktionsplans der EU-Kommission zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums wird die Implementierung entsprechender Regularien in der MiFID-Welt sein: Entsprechend der im Juni 2020 von der EU-Kommission vorgelegten Änderungsvorschläge des MiFID-II-Regelwerks sollen zukünftig bei der Anlageberatung und in der Finanzportfolioverwaltung im Rahmen der Geeignetheitsprüfung neben den Kenntnissen, den finanziellen Verhältnissen (inkl. Verlusttragfähigkeit) und Anlagezielen nun auch die Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden abgefragt werden.

Abhängig von der detaillierten Ausgestaltung der Gesetzgebung wird sich der Katalog der effektiv vertreibbaren Produkte einschränken und so den Druck auf Produkthersteller hin zu nachhaltigen Finanzprodukten im Sinne der Offenlegungs- und Taxonomieverordnung erhöhen. Flankierend zur Produktausgestaltung sind daher auch Vertriebsprozesse anzupassen, sowie neue Kunden- und Produktdaten effektiv zu erfassen und zu verwalten. Ob es durch die neue Taxonomie gelingen wird, die Spreu in einem nachhaltigen Sinne vom Weizen zu trennen, wird somit auch zu einem Thema einer geeigneten Produkt- und Unternehmensstrategie.

 

Wir von intouchCONSULT e.V. bedanken uns herzlich bei unserem Kooperationspartner Nagler & Company für die Bereitstellung der Inhalte.