Prozessmanagement – Ein Interview mit Herrn Prof. Liebetruth

Zum Beginn der industriellen Revolution bauten bei Henry Ford Mitarbeiter ein komplettes Auto – bis er entdeckte, dass durch Arbeitsteilung schneller und besser produziert werden kann. Er teilte die Arbeiter in Gruppen, von denen sich jede auf ein anderes Gebiet wie Getriebe, Räder und Karosserie spezialisierte. Der Vorteil der Arbeitsteilung besteht darin, dass man sich auf ein Teilgebiet spezialisieren und dies sehr effizient erledigen kann. Der Nachteil: Um ein großes Ganzes zu schaffen, muss die Arbeit muss zwischen den Teilnehmern koordiniert werden. Es gibt zwei Möglichkeiten für diese Koordination. Jedoch nutzen wir traditionell nur eine Möglichkeit – die Hierarchie, die Anweisung von oben.  Eine andere Möglichkeit ist die Koordination entlang der Produktentstehung durch Prozessmanagement.

Herr Professor Liebetruth, Dekan der OTH Regensburg und Mitglied unseres wissenschaftlichen Kuratoriums, beantwortete intouchCONSULT e.V. die wichtigsten Fragen rund um das Prozessmanagement.

Herr Prof. Liebetruth im Interview zu Pozessmanagement

intouchCONSULT e.V.: Hallo Herr Professor Liebethruth. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen. Würden Sie sich kurz vorstellen?

Herr Professor Liebetruth: Sehr gerne! Ich bin seit 2009 Professor für internationale BWL mit Schwerpunkt Logistik an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Davor war ich Unternehmensberater bei Roland Berger Strategy Consultants und Emporias Management Consulting. In dieser Zeit habe ich mittelständische Unternehmen und Konzerne bei organisatorischen Veränderungsprozessen und Programmen zur Steigerung der Prozesseffizienz begleitet.

intouchCONSULT e.V.: Sie waren vor Ihrer Professur in der Unternehmensberatung tätig. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Herr Professor Liebetruth: Das war einiges. Die wichtigsten Dinge waren wahrscheinlich strukturiertes Denken und die Fähigkeit zu priorisieren. Aber auch Tipps und Tricks im Umgang mit Menschen, denn als Berater ist man ja Dienstleister. Aber man muss in manchen Situationen auch einmal unangenehm sein und den Spiegel vorhalten können. Außerdem natürlich noch sehr viel Know-How aus den verschiedenen Branchen der Kunden. Und schließlich lernt man noch ganz viel über sich selbst.

intouchCONSULT e.V.: Sie erwähnten bereits die Wichtigkeit von Prozessmanagement. Könnten Sie erklären, was Prozessmanagement umfasst und worin die Vorteile liegen?  

Herr Professor Liebetruth: Eine etwas langweilige Definition ist „Identifikation, Gestaltung, Dokumentation, Implementierung, Steuerung und Optimierung von Geschäftsprozessen.“ Aber im Kern geht es eigentlich um die Steuerung aller Ressourcen, die eingesetzt werden. Denn in einer weiten Sichtweise sind ja alle Tätigkeiten in einem Unternehmen im weitesten Sinne Prozesse. Es gehören aber auch kulturelle Aspekte mit dazu. Wenn Unternehmen ein gutes Prozessmanagement haben, können Sie kundenorientierter agieren und ihre Leistungen in besserer Qualität zu besseren Preisen anbieten.

intouchCONSULT e.V.: Mit Sicherheit hat das Prozessmanagement aber auch mit Herausforderungen zu kämpfen. Welche Dinge sind erfolgsentscheidend für ein gutes Prozessmanagement?

Herr Professor Liebetruth: Ich würde die Frage in die Richtung beantworten, dass es einige Fallstricke bei der Einführung von Prozessmanagement gibt. Also Punkte, die manche Unternehmen nicht ganz richtig einschätzen. Die wichtigsten sind, dass die Einführung von gutem Prozessmanagement – da es ja auch sehr umfassend ist – Zeit benötigt und nicht über Nacht passieren kann. Außerdem wird Prozessmanagement manchmal als Anhängsel des Qualitätsmanagements gesehen, dann wird der Fokus natürlich nur auf Qualitätsaspekten, um – plakativ gesprochen – die ISO-Zertfizierung zu überstehen.

intouchCONSULT e.V.: Gibt es eine konkrete Sache, die Sie bei der Einführung von Prozessmanagement dringend raten würden?

Herr Professor Liebetruth: Wenn sich Unternehmen zur Einführung von Prozessmanagement entschließen, dann sollten sie an einem sehr frühem Punkt – z. B. nach der erfolgreichen Durchführung eines Pilotprojekts – die Verankerung des Prozessmanagements im Unternehmen und das Aufgaben- und Kompetenzprofil des Prozessmanagers bzw. der Prozessmanagerin klären. Ersteres sorgt für eine nachhaltige Wirkung des Prozessmanagements, denn, um Prozessmanagement erfolgreich zu machen, müssen viele verschiedene Aufgaben in vielen Organisationseinheiten koordiniert werden. Und Zweiteres hilft geeignete Persönlichkeiten für die Rolle zu gewinnen.

intouchCONSULT e.V.: Wo können Interessierte sich weitergehend über Prozessmanagement informieren?

Herr Professor Liebetruth: Neben meinem Buch im SpringerGabler Verlag kann ich meinen Blog better-process.com empfehlen. Da greife ich Klassiker oder aktuelle Themen aus dem Prozessmanagement auf. Interviews und anschauliche Beispiele stellen einen Praxisbezug her. Ein guter Einstieg ist mein Beitrag zur Erstellung einer Prozesslandkarte. Ein wenig experimentiere ich gerade noch mit Video-Formaten. Ich habe mich – nicht nur wegen Corona – für einen eigenen Blog entschieden, weil ich gerne mit einem einfachen und unkomplizierten Format etwas veröffentlichen möchte. Außerdem bietet ein Blog mit der Möglichkeit Videos einzubinden auch mehr Möglichkeiten als ein klassisches Buch.


intouchCONSULT e.V.: Vielen Dank für dieses spannende Interview. Wir wünschen Ihnen alles Gute und freuen uns weiterhin auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Ihnen als Kurator!


Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde in diesem Interview nur die männliche Form verwendet. Gemeint sind selbstverständlich alle Personen, unabhängig von ihrer Geschlechterzugehörigkeit.