Nachhaltige Investitionen - Chance oder Risiko?

nachhaltige Investitionen: Chance oder Risiko?

Ohne Zweifel, nachhaltiges Handeln und nachhaltige Investitionen wird zunehmend Mainstream – nicht nur für Privatpersonen. Finanzinstitute und Asset Manager setzen verstärkt auf das Thema Nachhaltigkeit und wollen soziale, ethische und ökologische Verantwortung übernehmen. Denn: Rendite und gutes Gewissen lassen sich nachweislich verbinden. Dabei rücken Nachhaltigkeitskriterien mit der Kurzbezeichnung ESG, nach den englischen Begriffen Environment (E), Social (S) und  Governance (G), vermehrt in den Fokus. Bedeutet Nachhaltigkeit eine Herausforderung für das Risikomanagement oder Chance bei der Asset Allokation? Nagler & Company, unser Kooperationspartner und Unternehmensberatung für den Finanzsektor, verrät die Antwort.

Die Finanzwirtschaft als Treiber der Transformationsprozesse

Ziel der Europäischen Union ist es, zu einer klimaresistenten Wirtschaft mit geringem CO2 -Ausstoß und zur Kreislaufwirtschaft überzugehen. Auf europäischer Ebene sind schätzungsweise jährliche Investitionen von mindestens 180 Mrd. Euro notwendig, um die angestrebte Reduktion von Treibhausgasen zu erreichen. Es herrscht Einigkeit, dass öffentliche Mittel allein nicht ausreichen werden. Bewusst instrumentalisiert der Gesetzgeber daher die Finanzwirtschaft. Ihr soll in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine zentrale Rolle bei diesem Transformationsprozess zukommen.

Die Finanzwirtschaft gestaltet die Investitionsströme in die Realwirtschaft. Sie geht dabei auf eigene oder auf fremde Rechnung (Nachhaltigkeits-) Risiken ein. Bei hoher Nachfrage nach nachhaltigen Investitionen oder deren Begünstigung sorgt sie für steigende Aktivität in wirtschaftlichen Tätigkeiten, die als nachhaltig klassifiziert sind. Das schlägt sich in erhöhter Liquidität in solchen Märkten nieder – und andersherum in erhöhten Kapitalkosten in weniger nachhaltigen Sektoren. Angesichts einer Präferenz hin zu mehr Nachhaltigkeit in der Geldanlage liegt hierin für den gesamten Finanzsektor eine vielleicht einmalige Chance, durch vorangegangene Krisen verloren gegangene Reputation zurückzugewinnen. Auf der anderen Seite sehen führende Asset Manager die Gefahr eines zweiten „Diesel-Skandals“ aufziehen, wenn als nachhaltig etikettierte Produkte überprüft werden müssten und durch aufgedecktes „Greenwashing“ der nächste Rufschaden drohe.

Darüber hinaus sehen die Akteure der Finanzwirtschaft im Zuge der Nachhaltigkeit neue Verpflichtungen auf sich zukommen. Die Politik hat Zentralbank und Regulierungsbehörden damit beauftragt, Kriterien und Messgrößen für das Management von Nachhaltigkeitsrisiken zu entwickeln. Dies stellt die Akteure der Transformation selbst vor Herausforderungen.

Was sind Nachhaltigkeitsrisiken?

Das NGFS (Network for Greening the Financial System) gibt eine Definition der Risiken, die aus dem Klimawandel resultieren, anhand der beiden Klassifizierungen „Physisches Risiko“ und „Transitorisches Risiko“.

Unter Physischen Risiken werden die physischen Bedrohungen verstanden, z.B. Extremwetterlagen und deren Folgen wie vermehrte Hochwasser, Dürreperioden, Waldbrände, Anstieg des Meeresspiegels etc. Physische Risiken können sich direkt (z.B. Kreditvergabe für Immobilienbau in Überschwemmungsgebieten) wie auch indirekt (z.B. durch Beteiligungen an Unternehmen, deren Produktionsprozesse von physischen Risiken bedroht sind) im Portfolio befinden.

Transitorische Risiken beschreiben Bedrohungen, die durch plötzliche Anpassungen von Wirtschaftszweigen an den Klimawandel entstehen. In Sektoren mit schlechteren Kohlenstoffbilanzen fallen schon heute Kosten durch den Ankauf von Verschmutzungszertifikaten oder durch CO2 -Steuern an. Die künftige Konkurrenzfähigkeit im Nachhaltigkeitswettbewerb wird zum zentralen Kriterium einer geänderten Risikowahrnehmung. In Deutschland ist das gegenwärtig z.B. im Energiesektor oder der Automobilbranche zu beobachten.

Die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken bei der Asset Allokation wie auch im Risikomanagement ist offenbar schon aus ökonomischen Gesichtspunkten geboten. Das NGFS beurteilt die sich aus den beiden Risikoklassifikationen ergebenden Pfade in die Zukunft folgendermaßen:

Welt im Treibhaus: Die Menschheit erhöht weiterhin die Emissionen und tut zu wenig, um physische Risiken zu vermeiden.

Zu wenig, zu spät: Die Menschheit tut nicht genug, um die Klimaziele zu erreichen. Physische Risiken verstärken die negativen Effekte einer ungeordneten Transition.

Ungeordneter Übergang: Die physischen Risiken werden berücksichtigt. Es kommt aber zu einer disruptiven Anpassung des Wirtschaftsgeschehens.

Geordneter Übergang: Die Menschheit fängt rechtzeitig an, Emissionen zu reduzieren, um die Klimaziele zu erreichen.

Der Stand der Europäischen Umsetzungsvorhaben

Im Rahmen des bestehenden Mandats bis Juni 2025 soll insbesondere beurteilt werden, welche aufsichtliche Behandlung hinsichtlich Nachhaltigkeitsrisiken künftig angewendet werden soll. Zum Zwecke der Standardisierung sich bereits etablierender, aber heterogener Nachhaltigkeits-Taxonomien wird versucht, „nachhaltige Investitionen“ begrifflich geeignet zu definieren und zu diesem Zweck Umweltziele zu definieren. Eine nachhaltige Investition im Sinne der EU-Taxonomie trägt zu mindestens einem der 6 folgenden Umweltziele bei, ohne einem anderen Umweltziel erheblich zu schaden.

  • Klimaschutz
  • Anpassung an den Klimawandel
  • Nachhaltige Nutzung und Schutz vor Wasser- und Meeresressourcen
  • Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
  • Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  • Schutz gesunder Ökosysteme

Im Merkblatt der BaFin, Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, werden Good-Practice-Ansätze zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken aufgezeigt. Von den beaufsichtigten Instituten wird erwartet, dass die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken Teil der verantwortlichen Unternehmensführung und somit der Geschäftsstrategie im Risikomanagement ist. Nach der BaFin sollen Nachhaltigkeitsrisiken keine eigene Risikoart darstellen, sondern werden den bestehenden Risikoarten (Kredit-/Adressenausfallrisiken, Marktrisiken etc.) zugeordnet. Insgesamt betont die BaFin aber die bisherige Unverbindlichkeit der vorgeschlagenen Ansätze, begründet durch den aktuell stattfinden Lernprozesse im Umgang mit diesem relativ neuen Thema.

Nachhaltigkeitsrisiko: Chance oder Risiko?

Insbesondere für Hersteller und Vertriebsstellen von Finanzprodukten entsteht im Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken ein Vertriebsthema von existentieller Bedeutung: Was nach neuer EU-Taxonomie als „nachhaltige Investitionen“ gilt, muss nicht das sein, was derzeit als „grün“ oder allgemeiner „nachhaltig“ angeboten wird. Ob auf europäischer Ebene in allen Einzelfällen, z.B. bei der Beurteilung der Nachhaltigkeit von Atomstrom, eine Einigung erzielt werden kann, darf zumindest bezweifelt werden. Es bleibt abzuwarten, ob die bewährten und teilweise in der Kritik stehenden Best-In-Class-Ansätze der Fondsausgestaltung im Sinne einer nachhaltigen Geldanlage möglich bleiben.

Vertreter großer Asset Manager warnen davor, dass es bei einer Neuregelung zu „gestrandeten Anlagen“ (metaphorisch z.B. Investments in Öltanker) wie auch zu einer Blasenbildung in Sektoren, die als nachhaltig klassifiziert sind, kommen kann. Es wird Fingerspitzengefühl nötig sein, um eine gewollte Transformation im Sinne der Nachhaltigkeit zu erzielen und nicht eine Veränderung herbeizuführen, die mehr Verlierer als Gewinner zurücklässt.

intouchCONSULT e.V. bedankt sich bei seinem Kooperationspartner Nagler & Company für die Bereitstellung der Inhalte unseres Beitrags

 „nachhaltige Investitionen“!