Was sind die Vor- und Nachteile von Homeoffice? Was sollten Führungskräfte beachten?

Die wichtigsten Fragen zum Thema Homeoffice – beantwortet aus psychologischer Sicht

Kaum ein Begriff war im vergangenen Jahr in der Arbeitswelt so präsent wie „Homeoffice“. Während einige Unternehmen schon lange auf dieses Modell setzen, sträuben sich andere noch vehement dagegen. 

Dr. Matthias Hudecek, Professor für Wirtschaftspsychologie an der FOM Hochschule, beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema Homeoffice

In einem Interview gab uns Dr. Matthias Hudecek, Professor für Wirtschaftspsychologie an der FOM Hochschule für Ökonomie & Management, einen Einblick in die Vor- und Nachteile von Homeoffice und verrät, worauf man als Führungskraft achten sollte. 

Durch die Corona-Pandemie ist Homeoffice in aller Munde und die Unternehmen werden immer stärker dazu aufgefordert, ihren Mitarbeitenden das Arbeiten von Zuhause aus zu ermöglichen. Welche positiven Aspekte und Folgen kann Homeoffice denn mit sich bringen?  

„Dabei muss man differenzieren, wen die positiven Aspekte betreffen. Zum einen betrifft es natürlich das Unternehmen an sich. Da gibt es ganz banal Kosteneinsparungen, zum Beispiel für Büroräume. Wenn sich Beschäftigte dadurch Fahrtkosten sparen, kann das auch Kosteneinsparungen für die Mitarbeiter*innen bedeuten. Das wäre also ein monetärer Aspekt. Zum anderen gibt es noch Aspekte, die aus psychologischer Sicht interessant sind. Homeoffice bietet grundsätzlich viel mehr Freiheit, Autonomie und Flexibilität. Die Möglichkeit, sich die Arbeitszeit flexibler einteilen und dann arbeiten zu können, wann es für einen besser passt, kann ein attraktiver Faktor für Mitarbeitende sein. Das ist wiederum ein Aspekt, der die Motivation und Zufriedenheit positiv beeinflussen kann.“ 

Gibt es auch negative Aspekte, die man berücksichtigen muss? 

„Wenn man über Flexibilität spricht, kann das etwas Positives und gleichzeitig auch etwas Negatives sein, denn Autonomie kann zwar die Motivation steigern, sie kann den Menschen aber auch überfordern. Dieses Phänomen fällt unter das Stichwort Autonomieparadoxon. Das bedeutet, dass Autonomie zwar per se positiv ist, aber in bestimmten Situationen trotzdem negative Auswirkungen haben kann. Aus diesem Grund muss immer mitbedacht werden, was optimale Voraussetzungen dafür sind, mit dieser Autonomie auch gut umgehen zu können.“ 

Was genau bedeutet optimale Voraussetzungen? 

Damit ist zum einen gemeint, dass auf der individuellen Ebene des Beschäftigten die erforderlichen Kompetenzen vorhanden sind. Gerade da bei vielen Unternehmen im Zuge der Corona-Pandemie die Umstellung auf Homeoffice sehr schnell erfolgt ist, sollte in jedem Unternehmen die Frage gestellt werden: Wo fehlen noch Kompetenzen bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? 

Zum anderen wird auf der Ebene der Gesamtorganisation eine gesunde Unternehmenskultur benötigt. D.h. die alleinige Einführung von Homeoffice wird nicht ausreichen, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Vielmehr wird eine menschenorientierte und vertrauensbasierte Unternehmenskultur benötigt. Dabei ist es zum Beispiel wichtig, dass ein Verständnis etabliert wird, dass Arbeit im virtuellen Raum gleich viel wert ist, wie Arbeit vor Ort und vielmehr die tatsächliche Leistung bewertet wird.“ 

Das müssen Sie zu Homeoffice wissen

Gibt es weitere Aspekte, die berücksichtigt werden sollten? 

„Zusätzlich zum bereits erwähnten Autonomieparadoxon gilt es zu bedenken, dass sich die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben immer schwieriger ziehen lässt, weil beides oft auch räumlich nicht mehr so gut getrennt werden kann.  

Das ist ein ganz grundsätzlicher Aspekt, der mit einbezogen werden muss: Gibt es überhaupt räumlich und technisch die Voraussetzungen dafür, dass man auch wirklich gut von Zuhause aus arbeiten kann? Das beginnt im Grunde mit Dingen wie einem eigenen Schreibtisch, einem guten Stuhl und einer guten Internetverbindung und das ist ja nicht immer gegeben. Gerade ohne eigenes Arbeitszimmer kann es schon schwierig sein, eine Abgrenzung beizubehalten. Unternehmen sollten an dieser Stelle also zumindest sicherstellen, dass die nötige Ausstattung aus technischer Sicht gegeben ist. 

Ein weiterer Punkt ist, dass sich natürlich der Kontakt zu den Führungskräften und Kollegen sowie Kolleginnen schwieriger halten lässt bzw. anders aufrechterhalten werden muss. Dabei ist es insbesondere die Aufgabe der Führungskräfte, dafür zu sorgen, dass dieser Kontakt aufrechterhalten wird, damit diese weiterhin wissen, wie es den Mitarbeitenden geht und diese auch vor einem zu starken Work-Life-Konflikt geschützt werden können.“ 

Wie könnte so eine Maßnahme aussehen? 

„Eine Möglichkeit wäre es, sich als Führungskraft auf regelmäßiger Basis, das heißt mindestens einmal die Woche, die Zeit zu nehmen, ein kurzes Meeting mit den Mitarbeitenden zu halten. Dabei sollte auch jeder sein Video anhaben, um auch wirklich sehen zu können, wie es ihnen geht. Wenn man dann merkt, da passt was nicht, muss aktiv auf die Betroffenen zugegangen werden. Das kann einen großen Unterschied machen.“ 

Wie wirkt sich Homeoffice auf die Leistung der Mitarbeiter aus? 

„Die Frage lässt sich pauschal schwer beantworten. Zum einen, weil es darauf ankommt, wer gefragt wird. Oftmals sehen die Beschäftigten das Thema Homeoffice positiver und Unternehmen befürchten dagegen, dass es hier zu Minderungen kommt. Der erste Lockdown hat dabei jedoch gezeigt, dass es keinesfalls so viel schlechter wird, wie es befürchtet wurde und die Produktivität teilweise sogar gestiegen ist. Im Zuge des zweiten Lockdowns scheinen die positiven Effekte teilweise schon etwas abzuflachen. Hier ist es allerdings schwer zu sagen, woran das genau liegt, d.h. ob das tatsächlich am Homeoffice liegt oder ob noch andere Kontextfaktoren verantwortlich sind.  

Das führt auch direkt zum zweiten Problem beim Thema Homeoffice und Produktivität. Eine objektive Messung von Leistung bzw. Produktivität ist schwierig. D.h. je nachdem wer gefragt wird, Mitarbeitende oder Führungskräfte, können die Antworten unterschiedlich ausfallen. Am Ende geht es letztlich darum, ob die Ziele erreicht werden. Und das hat bisher in den meisten Fällen gut geklappt. Sprich, die Leistung ist weiterhin da.“ 

Professor beantwortet die wichtigsten Fragen zu Homeoffice aus psychologischer Sicht

Wo besteht in vielen Unternehmen noch Verbesserungsbedarf, was die Homeoffice-Politik anbelangt? 

„Abgesehen von den technischen Voraussetzungen, gibt es vor allem bei dem Selbstverständnis und Mindset der Unternehmen und Führungskräften noch Verbesserungsbedarf. 

Das Vertrauen der Führungskräfte und der Organisation darin, dass Mitarbeiter*innen im Homeoffice mindestens genauso gut arbeiten wie vor Ort, ist entscheidend und muss per se gegeben sein. 

Man sieht im Zuge der Corona-Pandemie, dass es immer noch Unternehmen mit Präsenzpflicht gibt, weil sie davon ausgehen, dass die Mitarbeitenden, wenn diese nicht im Unternehmen sind oder nicht physisch beobachtet werden, nicht arbeiten. Das ist allerdings ein völlig überholtes Menschenbild und auch die Daten zeigen, dass das nicht der Fall ist. Mitarbeiter*innen sind sehr wohl in der Lage, selbstorganisiert im Homeoffice hervorragende Leistung zu bringen. 

Wenn man das mal im Mindset der Leute hat, dann geht es viel um Kommunikation und Feedback. Da ist meiner Meinung nach auch Nachholbedarf, da müssen Führungskräfte entsprechend geschult werden, es muss Formate geben, in denen die Führungskräfte an ihrer Kommunikation arbeiten und lernen können, wie sie die Mitarbeitenden unterstützen können.“ 

Welchen Rat können Sie Führungskräften geben, worauf sie besonders achten sollen? 

„Wenn man in die Studien zu virtuellem Arbeiten schaut, sieht man, dass Vertrauen ein entscheidender Schlüssel ist. Die Entwicklung in Richtung einer modernen Organisation steht und fällt mit Vertrauen. Dabei muss klar sein, dass Vertrauen nichts ist, was ich einfordern und verordnen kann. Das ist eine wechselseitige Zuschreibung, die erarbeitet werden muss. Das was ich anbiete und als Rahmen vorgebe, muss auch kongruent zu dem sein, was ich tue und dabei dürfen eben keine Widersprüche entstehen. Oft können das schon Kleinigkeiten sein, die das Vertrauen gefährden, wie Bemerkungen, warum man denn nicht erreichbar war. Am Ende ist es entscheidend, dass vorhandenes Vertrauen nicht verspielt, sondern darauf achtet, dass es weiter aufbaut und gepflegt wird.“ 


Wir von intouchCONSULT e.V. möchten uns herzlich bei Herrn Dr. Matthias Hudecek für das spannende Interview bedanken! Wir hoffen, dass sowohl Unternehmen wie auch Studierende durch die hilfreichen Antworten etwas Neues lernen und dem Homeoffice etwas Positives abgewinnen können. Bleiben Sie gesund!

Porträt: Copyright © FOM Hochschule/Tom Schulte