Der Wirecard Skandal - intouchCONSULT e.V.

Der Wirecard Skandal

Wir alle haben es wohl mitbekommen, ob wirtschaftlich und politisch interessiert oder nicht – der Wirecard Skandal, denn dieser war eine Zeit lang in allen Medien das Topthema. „Irgendwas mit der Bilanz stimmt da nicht“ würden die meisten wohl sagen, oder „da fehlte Geld“, aber was sind die genauen Hintergründe? Was ist das Problem? Wer sind die Verantwortlichen? All das erfährst du heute in unserem Blogartikel, sei gespannt, denn das Thema, so langweilig es im ersten Moment klingen mag, ist wahnsinnig spannend. 

Was macht Wirecard überhaupt? 

Bevor wir direkt mit den Problemen starten, erstmal eine kurze Erläuterung zum Unternehmen selbst:  

Wirecrads Gründung ist schon 22 Jahre her, denn das Unternehmen entstand in der Hochphase der New-Economy-Zeit 1999. Interessant ist wohl auch, was für eine Art von Unternehmen Wirecard ursprünglich war, denn es ist was ganz anderes als erwartet: es fokussierte sich anfangs auf die Abwicklung von Zahlungen von Porno- und Glückspiel-Internetseiten. Nur drei Jahre später gab es einen entscheidenden Wandel, indem Markus Braun, der später auch noch eine wichtige Rolle spielen wird, den Vorstandvorsitz übernahm und das Geschäftsmodell umbaute, indem er der Wirecard Bank eine Vollbanklizenz besorgte und nach weit über 10 Jahren Arbeit das Unternehmen im September 2018 in den Dax brachte. Der Konzern weitete sich aus und mittlerweile arbeiten rund 5800 Mitarbeiter an weltweit 26 Standorten für Wirecard. Die Kunden sind auch bekannt, denn Namen, wie Ikea, Aldi, WMF oder Fedex gehören unteranderem dazu.   

Das Geschäftsmodell von Wirecard 

Um das schlussendliche Problem genauer erklären zu können, müssen wir erst noch auf das Geschäftsmodell des Unternehmens eingehen. Vereinfach gesagt könnte man es so erklären: Wirecard ist das Bindeglied zwischen Händler und Kunde. Der Konzern steuert das bargeldlose Bezahlen via Smartphone oder Kreditkarte an Ladenkassen und Online-Shops. Außerdem darf das Unternehmen durch Kooperationen mit Anbietern wie Visa und Mastercard Kreditkarten selbst herausgeben. Für Händler überprüft es bei Bestellvorgängen die Vertrauenswürdigkeit des Kunden – ist ein potentieller Kunde dann vertrauenswürdig, nimmt Wirecard den Kaufpreis entgegen und leitet ihn abzüglich einer Gebühr an den Händler weiter und geht somit für den Händler ins Risiko. Während der Konzern in Europa eine eigene Lizenz hat und somit eine eigene Bank betreiben kann, ist er in anderen Ländern auf Drittanbieter angewiesen und deponiert, um Geschäfte zwischen zwei Vertragspartnern abzusichern, Geld auf Treuhandkonten. 

Das eigentliche Problem des Skandals 

Und genau das führt uns zum eigentlichen Problem bei der ganzen Sache, denn diese Treuhandkonten stehen im Zentrum des Betrugsverdachts. Schon bei den Abschlüssen der Jahre 2016, 2017 und 2918 vollzog das Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG eine Sonderprüfung, weshalb die Prüfer von EY die Zahlen 2019 besonders genau unter die Lupe nahmen. Jetzt zeigte sich ganz deutlich, dass für 1,9 Milliarden Euro, was ein Viertel der Bilanzsumme ausmacht und genau auf solchen Treuhandkonten sein sollte, keine oder nur gefälschte Bescheinigungen existieren. Infolgedessen konnte und wollte EY keinen Jahresabschluss testieren und ging von einem Milliardenbetrug aus.  

Schnell wurden Konsequenzen gezogen und der vorhin bereits erwähnte Vorstandschef Markus Braun trat zurück. Die sogenannten „Luftbuchungen“ räumte Wirecard dann nur einige Tage später ein.  

Das kommt für Nichtkenner absolut aus dem nicht, für Menschen jedoch, die sich länger und intensiver mit dem Konzern auseinandersetzen, ist das keine völlige Überraschung, denn schon länger berichteten verschiedenen Medien, wie die Financial Times, von vorgetäuschten Umsätzen und gefälschten Verträgen. Diese Anschuldigungen wies Wirecard aber stets vehement zurück. 

Wie geht es weiter? 

Was heißt das alles jetzt im Klartext und wie geht es für Wirecard weiter? Der Skandal ist ein historisches Novum für den Dax, weil in der mehr als 30-jährigen Geschichte des Leitindex nie zuvor ein Mitglied kollabierte. Die Folge ist, dass der Konzern wegen der Insolvenz aufgrund des Skandals und wegen der tief eingebrochenen Börsenwerte aus dem Dax fällt. An der Frankfurter Börse führe das alles zu Panikverkäufen, sodass die Wirecard Aktie innerhalb von 7 Tagen 90% ihres Wertes verlor, nach der Insolvenzmittteilung sank der Wert auf knapp 4 Euro pro Aktie. Der Wert des Unternehmens sank von fast 25 Milliarden auf rund 350 Millionen in kürzester Zeit. 

Auch intern wurden harte Maßnahmen ergriffen, denn mehrere der Spitzen-Manager des Unternehmens sitzen in Untersuchungshaft. Das Fazit ist klar: Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Wirecard-Mitarbeiter Umsätze in den Bilanzen erfunden haben, um so an Kredite von Banken und anderen Investoren zu kommen. Den Beschuldigten werden gewerbsmäßiger Bandenbetrug, Untreue, unrichtige Darstellung und Marktmanipulation in mehreren Fällen vorgeworfen. Grundlage dafür waren insbesondere die Angaben eines Kronzeugen.  

Zu den bereits geschilderten Problemen, kommt nun auch noch, dass einer der Ex-Vertriebsvorstände Jan Marsalek sich auf der Flucht befindet.  

Politische und Wirtschaftliche Folgen des Skandals 

Doch nicht nur Wirecard selbst, auch das Wirtschaftsprüfungsunternehmen EY steht in der Kritik, denn über Jahre hinweg haben es die Prüfer nicht geschafft, die Falschangaben, die der Konzern in seinen Jahresbilanzen gemacht hat, zu finden. So hat EY beispielsweise nicht nachgehakt, ob bei Banken auf den Philippinen, wo Wirecard angab, Geld abgelegt zu haben, wirklich Geld liegt. 

Auch einige Politiker, wie Olaf Scholz, der der oberste Chef der staatlichen Finanzaufsicht ist, Bundeswirtschaftsminister Altmaier, der für die Aufsicht über die privaten Wirtschaftsprüfungsunternehmen zuständig ist, oder auch Angela Merkel, die Wirecard noch im September 2019 in China verteidigte, werden kritisiert. 

Ein weiteres Problem zeigt sich vor allem in Bezug auf die Finanzaufsicht in Deutschland, denn scheinbar fühlt sich jahrelang niemand dafür verantwortlich, sich den Betrugsverdacht genauer anzuschauen. Deshalb sind derzeit auch schon einige Reformen und Veränderungen geplant, damit in Zukunft Zuständigkeiten klarer definiert sind.   

Die lange Liste an Problemen hört noch nicht auf, denn auch die privaten Wirtschaftsprüfer insgesamt werden kritisiert. Für diese ist es bisher noch möglich, dass dasselbe Wirtschaftsprüfungsunternehmen 20 Jahre lang ein Unternehmen prüft. Außerdem sind häufig Beratung und Wirtschaftsprüfung nicht klar voneinander getrennt. Ein häufigerer Wechsel soll Betriebsblindheit und Interessenskonflikte verringern.  

Der Schaden 

An der Anzahl der Probleme und Folgen zeigt sich ziemlich klar, dass der Schaden groß ist. Um das mit Zahlen noch deutlicher zu machen, hier die knallharten Fakten: Die Staatsanwaltschaft München geht derzeit von 3,2 Milliarden Euro aus, die sich Wirecard bei Banken und anderen Investoren geliehen hat. Da Wirecrad jetzt aber mittlerweile als insolvent gemeldet ist, gilt dieses Geld als verloren. Durch die heftigen Einstürze beim Dax, müssen auch die Aktionäre schlucken. 

Neben den finanziellen Verlusten ist es aber auch das weltweite Vertrauen in den Finanzplatz Deutschland der stark unter dem Skandal leidet. 

Wirecard selbst sieht sich als Opfer und hat Anzeige gegen unbekannt gestellt. Die Führung des Konzerns geht davon aus, womöglich um eben jene verschwundenen 1,9 Milliarden Euro betrogen worden zu sein.